Nicht in Heinrich Bölls Namen – nicht in unserem Namen!
Offener Brief an Ralf Fücks
[mittlerweile gibt es eine Antwort von Ralf Fücks und mehrere Rückantworten. Für die gesamte Debatte bitte die Kommentare unter diesem Artikel beachten, P.A.]
Lieber Ralf Fücks,
in Deiner öffentlichen Replik auf die Weihnachtspredigt von Bischöfin Käßmann hast Du zurecht darauf hingewiesen, dass es ein Unterschied ist, ob sich jemand als Privatmensch oder in ihrer/seiner Funktion politisch äußert. Du äußerst Dich als Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, und wir, die Unterzeichnenden, glauben, dass Du der Stiftung und auch der Partei Bündnis 90 / Die Grünen damit erheblich geschadet hast. Da dies bei weitem nicht der erste und einzige Fall war, in dem Du Deine öffentliche Position als HBS-Vorstand genutzt hast, um Deine eigene politische Agenda zu Lasten von Stiftung und Partei zu verfolgen, sind wir der Meinung, dass das erträgliche Maß nun deutlich überschritten wurde und fordern Dich auf, Dein Amt niederzulegen.
weiterlesen »

Nicht in Heinrich Bölls Namen - nicht in unserem Namen!
Offener Brief an Ralf Fücks
[mittlerweile gibt es eine Antwort von Ralf Fücks und mehrere Rückantworten. Für die gesamte Debatte bitte die Kommentare unter diesem Artikel beachten, P.A.]
Lieber Ralf Fücks,
in Deiner öffentlichen Replik auf die Weihnachtspredigt von Bischöfin Käßmann hast Du zurecht darauf hingewiesen, dass es ein Unterschied ist, ob sich jemand als Privatmensch oder in ihrer/seiner Funktion politisch äußert. Du äußerst Dich als Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, und wir, die Unterzeichnenden, glauben, dass Du der Stiftung und auch der Partei Bündnis 90 / Die Grünen damit erheblich geschadet hast. Da dies bei weitem nicht der erste und einzige Fall war, in dem Du Deine öffentliche Position als HBS-Vorstand genutzt hast, um Deine eigene politische Agenda zu Lasten von Stiftung und Partei zu verfolgen, sind wir der Meinung, dass das erträgliche Maß nun deutlich überschritten wurde und fordern Dich auf, Dein Amt niederzulegen.
Uns ist bewusst, dass mit guten Gründen der Vorstand der Stiftung von ihrer Mitgliederversammlung und unabhängig von der Partei Bündnis 90 / Die Grünen gewählt wird. Deswegen richten wir uns mit diesem offenen Brief auch an Dich direkt, denn über Deinen Rücktritt entscheidest Du allein.
Konkret ärgern wir uns bei Deiner Replik über folgende Aspekte:
1. Dein anmaßender Ton. Du schreibst u. a. „Sie (Bischöfin Käßmann) vermehren damit die Inflation politischer Stellungnahmen von Kirchenoberen, die selten über gut gemeinte Banalitäten hinauskommen." Dieser Satz fällt genau so auf Deine inflationären politischen Stellungnahmen zurück, die nur deswegen nicht banal und mit einem Schulterzucken abzutun sind, weil Du sie als HBS-Vorstand abgibst. Deine Botschaft zum Afghanistan-Krieg ist
sinngemäß: „Deutschland ist verpflichtet, im Rahmen der ‚Responsibility to protect‘ Krieg in Afghanistan zu führen und ihn zu gewinnen, um dort die Menschenrechte zu schützen." Erschütternd ist, dass Du ohne den geringsten Zweifel an diesem schlichten Argumentationsmuster festhältst, auch nachdem spätestens durch das katastrophale Tanklastzug-Bombardement bei Kunduz klar geworden ist, was das konkret bedeutet. Um „feindliche Kommandierende" zu „vernichten", werden sog. zivile „Kollateralschäden" in großer Zahl wissentlich in Kauf genommen. Dazu von Dir kein Wort, stattdessen verharrst Du in der alten Eskalationslogik. Kein Funken Einsicht von Dir, dass das Beispiel Afghanistan zeigt, dass sich Einhaltung von Menschenrechten nicht mit militärischer Gewalt erzwingen lässt. Du scheinst zu dieser Frage noch nicht mal ein Problembewusstsein zu haben.
Vor allem empört uns aber Dein Wort „Banalität" in diesem Zusammenhang. Wenn Du Margot Käßmanns Botschaft banal findest, wie kannst Du dann einer Stiftung vorstehen, die den Namen Heinrich Bölls in Ehren halten soll? Bölls Pazifismus ist von seinen GegnerInnen immer wieder als naiv und banal gescholten worden. Dass Du jetzt das gleiche Argument im Namen der Heinrich-Böll-Stiftung führst, ist für uns nicht erträglich. Mit Deiner Position müsstest Du jetzt dem Namenspatron der Stiftung, der Du vorstehst, banales und naives Gutmenschentum vorwerfen. Das ist offenkundig absurd. Wir meinen: Du bist der falsche Mann an der Spitze der HBS.
2. Deine Sturheit und Debattenignoranz. Natürlich ist Dir bekannt, dass das Thema Afghanistan in der deutschen Öffentlichkeit und vor allem auch innerhalb von Bündnis 90 / Die Grünen lang und kontrovers diskutiert wurde und wird. Du hast selbst aktiv an diesen Debatten teilgenommen. Wir können in keinem Deiner Beiträge erkennen, dass Du Argumente der anderen Seite ernst genommen und Dich mit ihnen beschäftigt hättest. So auch hier. Was an Frau Käßmanns Predigt eigentlich Deiner Meinung nach falsch ist, erfahren wir aus Deinem Widerspruch nicht, er wird nur pauschal als banal und „gut gemeint" - also schlecht gemacht - abgetan.
„Aber wie soll der Rückfall in eine menschenverachtende Gewaltherrschaft verhindert werden, ohne jenen auch mit Waffengewalt entgegenzutreten, die ihre Ziele mit Bomben und Gewehren verfolgen?" fragst Du Frau Käßmann, um am Ende Deines Textes klarzustellen, dass Du darauf gar keine Antwort von ihr haben willst. Wir fragen Dich: Wo ist Dein Input, wo ist Deine Idee, wie der Krieg in Afghanistan so gewaltfrei wie möglich beendet werden kann? Wo ist Dein Rezept für einen stabilen und friedlichen Aufbau des Landes? Genau auf diese Fragen hätten wir als Bündnisgrüne gerne Denkanstöße aus der HBS. Was wir stattdessen von Dir bekommen, ist der immer gleiche Refrain, dass es mehr militärische Gewalt brauche, um die Taliban in Schach zu halten. Das ist inhaltlich dünn und es ignoriert nicht nur, dass diese Strategie im mittlerweile neunten Jahr immer weiter scheitert, sondern auch, dass Deine Partei nach harten und schmerzhaften Debatten eine deutlich differenziertere und realistischere Position mit großer Mehrheit vertritt. Natürlich bist Du als Stiftungsvorstand nicht an den Mehrheitskurs der Partei gebunden. Trotzdem halten wir es nicht für die Aufgabe eines HBS-Vorstandes, der Partei in einer so wesentlichen Frage permanent das immer gleiche Stöckchen zwischen die Beine zu werfen und dabei sämtliche Kritik daran geflissentlich zu ignorieren.
3. Der von Dir hergestellte Ort und Kontext. Wir wollen an dieser Stelle an Heinrich Bölls Kampf- und Leidensgeschichte mit dem Springer-Verlag erinnern. Dass Du ausgerechnet die „Welt" für Deine Attacke wider den Käßmannschen Pazifismus wählen musstet, ist entweder instinkt- und geschmacklos oder eine gezielte Provokation. Natürlich hat es seit der Zeit, in der Katharina Blum ihre Ehre verlor, viele Veränderungen in der deutschen Gesellschaft und auch in der Presselandschaft gegeben, und natürlich dürfen und können Grüne sich auch in Presseorganen aus dem Hause Springer äußern. Gerade zu diesem Thema hätten wir uns aber etwas mehr Fingerspitzengefühl gewünscht. Wenn Du schon offenkundig kein Problem damit hast, ausgerechnet in einer Springer-Zeitung den Pazifismus banal zu schimpfen, dann solltest Du wenigstens darauf achten, dafür nicht den Namen Heinrich Bölls zu missbrauchen. Stattdessen befeuerst Du auch noch den reaktionären Ungeist, der seit Bölls Zeiten immer noch ungebrochen durch die LeserInnenbriefseite der Welt weht (wie auch aus den Kommentaren auf Deinen Artikel bei Welt online mehr als deutlich wird), indem Du zum Schluss Deines Statements auf einen „progressiven" Gestus einprügelst und diesen unsympathisch findest. Das Bravo der national-konservativen Welt-LeserInnenschaft ist Dir dafür sicher, unsere Abneigung und unsere Kritik auch.
Lieber Ralf Fücks,
als Bündnisgrüne wollen wir keinen HBS-Vorstand, der aus dieser Position heraus in der entscheidenden Frage von Krieg und Frieden unermüdlich gegen den erklärten und mit großer Mehrheit beschlossenen Willen der Partei Stimmung macht. Als Menschen, die Heinrich Bölls literarisches und politisches Lebenswerk tief bewegt und geprägt hat, ertragen wir es nicht, dass Du Bölls Namen instrumentalisierst, um eine Politik zu verfolgen, die Böll selbst mit Sicherheit abgelehnt und entschieden bekämpft hätte. Als Freunde der HBS sind wir der Meinung, dass die Stiftung frische Impulse in der Führung braucht. Als um das Schicksal der Bevölkerung von Afghanistan besorgte politische Menschen wünschen wir uns einen HBS-Vorstand, der produktive und positive Lösungsansätze anstößt und nicht eine neun Jahre alte und offenkundig gescheiterte Strategie stur weiterverfolgt. Aus diesen Gründen halten wir Dich für ungeeignet, Dein Amt weiter auszuführen und fordern Dich zum Rücktritt auf.
Der Brief bezieht sich auf diesen Artikel Ralf Fücks' in der Welt vom 2. Januar 2010:
http://www.welt.de/politik/deutschland/article5699753/Wider-die-Kaessmannschen-Afghanistan-Banalitaeten.html?query=Welt%20F%FCcks, den er nach eigener Aussage als Reaktion auf dieses Interview mit Bischöfin Margot Käßmann in der HAZ vom 24. Dezember 2009 geschrieben hat: http://www.hannover96.haz.de/Nachrichten/Politik/Deutschland-Welt/Kaessmann-fuer-Abzug-deutscher-Soldaten-aus-Afghanistan/
UnterstützerInnen:
Peter Alberts, KV Münster
Helene Klein, KV Aachen
Dr. Ansgar Klein, KV Aachen
Karl-Wilhelm Koch, KV Vulkaneifel
Simon Lissner, KV Limburg-Weilburg
Christian Meyer, MdL Niedersachsen
Helge Limburg, MdL Niedersachsen
Sibylle Mattfeldt-Kloth, Sprecherin BAG ChristInnen bei den Grünen
Robert Zion, KV Gelsenkichern
Irene Mihalic, KV Gelsenkirchen
Dennis Melerski, KV Gelsenkirchen
Dennis Bartel, KV Gelsenkirchen
Ralf Henze, KV Odenwald-Kraichgau
Richard Janus, RV Wartburgkreis / Eisenach
Sylvio Bohr, KV München, Bezirksrat Oberbayern
Jan Frederik Wienken, KV Vechta
Brigitte Schumann , KV Mülheim a.d.Ruhr
Martin Schmidt, SV Chemnitz
Roman Kollar, KV Coburg-Stadt
Dr. Franz Schart, Stadtverordneter, KV Gelsenkirchen
Felix Lütke, KV Wesel
Dr. Brigitte Derendorf, KV Münster
Sergij Goryanoff, KV Friedrichshain – Kreuzberg
Siegfried Leittretter, KV Friedrichshain-Kreuzberg
Karsten Finke, KV Bochum
Jörn Jensen, Bezirksbürgermeister a.D. Berlin-Tiergarten, KV Berlin-Mitte
Dr. Joachim Behncke, KV Steglitz-Zehlendorf
Hans-Jürgen Kapust, KV Düsseldorf
Norbert Dick, KV Schleswig-Flensburg
Volker Hiersemann, KV Münster
Ingo Bowitz, KV Bielefeld
Andrea Schwarz, KV Karlsruhe Land, Gemeinderätin
Harald Vieth, KV Hamburg-Eimsbüttel
Jörg Rupp, Parteirat Baden-Württemberg, Kreisvorstand Karlsruhe
Hilly Gosch, KV Schleswig-Flesnburg
Irmgard Winkelnkemper, KV Hersfeld-Rotenburg
Helmut Windolph, KV Eichsfeld
Anselm Laube, KV Ettlingen
Maik Babenhauserheide, KV Herford
Berthold Lausen, KV Erlangen-Stadt
Kordula Leites, KV Hamburg-Eimsbüttel
Frank Brinkers, KV Grafschaft Bentheim
Michael Körner, KV Ettlingen
Arfst Wagner, KV Schleswig-Flensburg
Bernd Frieboese, KV Reinickendorf
Peter Nickels, KV-Aachen
Helmut Blöcker, KV Braunschweig
Horst Schiermeyer, KV Görlitz
Samuel Raz, KV Dachau
Sonja Rothweiler KV Karlsruhe-Land
Philipp Matern, KV Münster
Martin Roger, RV Hannover
Kalle Kreß, KV Bad Dürkheim
Annemie Dick, KV Schleswig-Flensburg, Sprecherin OV Kappeln
Bernd Michael Heuer, OV Kappeln
Werner Hager, KV Rheinisch-Bergischer Kreis
Matthias Schneider, KV Duisburg, Vorstand Grüne Duisburg-West
Rudolf Schäfer, KV Waldeck-Frankenberg
Klemens Griesehop, KV Berlin Pankow/Prenzlauer Berg
Sebastian Müller, Mitgl. Boell-Stiftung NRW
Manfred Lorentschat, KV Oberhausen, Bürgermeister
Frank Meyer, KV Dortmund, OV-Sprecher Lütgendortmund, stellv. Bezirksbürgermeister
Ruth Birkle, KV Karlsruhe-Land
Marianne Hürten, KV Rheinberg
Marvin Novy, KV Dortmund
Tanja Kluth, KV Karlsruhe, Stadträtin
Berti Furtner-Loleit, KV München
Artur Herb, KV Karlsruhe-Land, Kreisrat
Claus-Jürgen Dietrich, KV Anhalt-Bitterfeld
Udo Ehmann, KV Esslingen
Jörg Drewenskus, KV Dortmund
Dora Pfeifer-Suger, KV Breisgau-Hochschwarzwald, Kreis- und Gemeinderätin
Pascal Hesse, Vorstand KV Essen
Stefan Weiß, Vorstand KV Main Kinzig
Ursula Hertel-Lenz, KV Berlin Steglitz-Zehlendorf
Claudia Nobel, Vorstand SV Oldenburg
Ritva Harju, KV Spandau, Verordnete der BVV Spandau
Cathrin Ramelow, Abteilung QueerGrün Berlin
Dr. Didem Ozan, KV Münster
Alexander Wright, KV Gießen
Christian Könneke, KV Berlin-Friedrichshain/Kreuzberg
Peter Ruhwedel, KV Holzminden, Fraktionssprecher im Stadtrat, Kreistagsabgeorneter
Jule Kuhlmann, KV Köln
Rüdiger Schultheis, Vorstand KV Limburg-Weilburg
Wilhelm Bauch, KV Hamburg-Mitte
Michael Lalka KV Hamburg Nord, BAG-Delegierter der LAG Frieden
Lore Schirz, KV Münster
Stephan Schirz, KV Münster
Hans Christian Markert, KV Rhein-Kreis Neuss
Rudolf Delahaye, KV Aachen
Friedel Hogen, KV Aachen
Ulrike Joest, KV kreisfrei Bremen
Karen Haltaufderheide, KV Hagen
Bernd Meyer, Ratsfraktion Winsen (Luhe)
Dr. Ines Reich-Hilweg, KV Mainz
Jürgen Hohlfeld, KV Aachen
Anka Erdweg, KV Aachen
Heinz Erdweg, KV Aachen
Hans-Michael Luther, KV MF/OV Borkheide/Borkwalde
Ute Wendt, KV Aachen
Barbara Schwaner-Heitmann, KV Schleswig-Flensburg, Fraktionsvorsitzende im Kreistag
Herbert Bohr, KV Wiesbaden
Hilke Schwingler, Sprecherin KV Dortmund
Remo Licandro, Sprecher KV Dortmund
Sigrun Katscher, Beisitzerin KV Dortmund
Martina Müller, KV Hochsauerlandkreis
Hier gibt es den Brief als *.pdf-Datei (mit den ErstunterstützerInnen)
Weitere Untersützung bitte mit vollem Namen, Angabe des KVs und ggf.
von Ämtern oder Mandaten (wenn die genannt werden sollen)
an palberts[ätt]muenster.de mailen.