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Ökonomie

 

April 2005

Kurt-Dietmar Lingemann
Ökonomie (in) der Veränderung

Grundüberlegungen für eine neue Linke


Notwendige Vorbemerkung:

Der folgende Text wird vom Leser einiges abverlangen. Dass sich unsere Gesellschaft rasant verändert, weiß die LeserIn. Dem folgenden Text liegt aber die These zugrunde, dass die derzeitige ökonomische und gesellschaftspolitische Debatte auch daran schwächelt, dass zwar die sichtbaren Veränderungen, z.B. der Lohnarbeit aufgenommen werden, aber das nicht unmittelbar Sichtbare, z.B. die Marktstrukturen werden durchgängig nicht in Frage gestellt. Offenbar sind die wahrgenommenen Veränderungen bereits so irritierend, dass ein freiwilliges Infragestellen von scheinbaren Gewissheiten unbewusst abgelehnt wird.
Insofern hinkt das Bewußtsein dem Sein hinterher.

Dabei zeigt aber die Geschichte, dass Transformationsprosse solcher Größenordnung, wie wir sie jetzt erleben, selbstverständlich ungleichzeitig ablaufen: Die Herausbildung der Gütermärkte fand zeitlich eine Generation vor der Durchbildung der Arbeitsmärkte statt, die Automatisierung der Geldsteuerung (durch Einführung des Goldstandards) war wiederum davon getrennt. Wenn heute die Figur der Lohnarbeit zerbricht, wäre es töricht anzunehmen, dass der Rest unserer Ökonomie gleich bleibt. Der programmatische Diskussionsbedarf erstreckt sich nicht nur auf Bürgerversicherung, Grundsicherung und einige wenige fiskalpolitische Verbesserungen. Es soll darum versucht werden, den Ball möglichst weit nach vorn zu spielen, d.h. die radikalsten Debattenstände, die es aus linker Sicht heute gibt, einfließen zu lassen. Dabei knüpft der Text ausschließlich an Konzepte, Theorien und Debatten der Linken, insbesondere an Diskussionsergebnisse auf Seiten der Gewerkschaft
(„ Forum Neue Politik der Arbeit“, U. Klotz, Glißmann/Peters etc.), der franco-italienischen Debatte um immaterielle Arbeit, der weltweiten Empire-Diskussion und des dt. Crossover-Prozesses an.

Die Thesen des innergrünen Papieres „Links neu“ teilt der Text hauptsächlich in zwei Punkten:
Zum einen wird die These geteilt, dass die Debatte sich nicht auf die Grüne Linke beschränken kann, sondern von vornherein auf eine Gesamtlinke bezogen sein muss.
Zum zweiten, dass eine Kritik der Programmatik des sog. „Dritten Weges“ (oder New Labour) längst überfällig ist, aber nach vorne geführt werden muss.

Die Linke hat den Diskussionsprozess der derzeitigen kapitalistischen Transformation lange Zeit defensiv geführt, so dass uns heute nicht einmal ein gesichertes Vokabular zu diesem Thema Verfügung steht. Begriffe, die für Linke brauchbar wären, sind z.T. inzwischen vom politischen Gegner besetzt und lösen bei Linken Abwehrreflexe aus. „Globalisierung“ oder „neues Akkumulationsregime“, „Turbokapitalismus“ oder „Wissensgesellschaft“, „Neoliberalismus“ oder „Herrschaft des Vermögens“, es gibt nicht mal eine Einigung um eine zutreffende Bezeichnung der Phase, in die wir uns hineinbewegen; eine glänzende Voraussetzung, um aneinander vorbei zu reden und schlechte linke Gewohnheiten aufleben zu lassen.

Dies ist übrigens aktuell zu erleben in der Kapitalismuskritik von F. Müntefering. Hinter den plakativen Sprüchen kommt eine SPD-Linke mit spannenden theoretischen Thesen zu Wort. So äußerte sich Michael Müller unlängst im Info-Radio mit einer interessanten Frage (sinngemäß), „ob unter den Bedingungen einer Vermögensmarktdominanz ein Übergang in die Wissensgesellschaft überhaupt vollziehbar sei.“

Diese Zusammenbindung von „Vermögensmarktregime“ und „Wissensgesellschaft“ stellt eine wirklich zentrale Zukunftsfrage; man kann sie aber nur sinnvoll beantworten, wenn nicht nur klar ist, was gemeint ist mit diesen Begriffen, sondern wenn auch der innere Zusammenhang rekonstruiert wird. Dies soll im Folgenden versucht werden.
Danach kann erst die Kärnerarbeit der Re-Formulierung der politischen Programmatik erfolgen, die vor allem auch darin besteht, nicht nur die reine Theorie, sondern die vielfältigen Misch- und Übergangsphänomene mit aufzunehmen und dabei doch die Grundrichtung nicht zu verlieren.

Drei Beschränkungen im folgenden Text sind erforderlich:

Erstens kann im Folgenden nicht sofort auf die unmittelbare Programmatik zugesteuert werden, sondern zuerst wird eine Bestandsaufnahme der Transformation versucht.
Dabei kann es zweitens nicht um eine Aufzählung der zahllosen einzelnen Veränderungsprozesse gehen, sondern es interessiert vor allem der Zusammenhang. Daher Beschränkung auf einige zentrale Punkte.
Drittens muss es ein politisches Papier bleiben, der Anmerkungsapparat wird ausschließlich in die Internetfassung zugänglich.


Vorsicht:
Der folgende Text geht davon aus, dass auch in der Ökonomie NICHTS bleibt, wie es war -
weder Arbeit, noch Unternehmen, noch Märkte, weder Wertschöpfung, noch Geldfunktionen, noch Ausbeutung, weder Produkte, noch Eigentumstitel, noch der Staat.

 

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