Die Deutschen und ihr Militär

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

von Simon Lissner, 3.4.2013

 

1945, Köln1945 gilt in der bürgerlichen Wahrnehmung unseres Landes gemeinhin als „Stunde Null“. Klar, dass sich nach den begangenen Verbrechen, die eben nicht nur von einem „Wahnsinnigen“ begangen worden waren sondern sich weitgehenden Zuspruches im deutschen Volk erfreuten, kein noch so rechts denkender Politiker (damals, nach `45 waren es in überwältigender Mehrheit Männer), der seine Sinne beisammen hatte nahtlos an den deutschen Militarismus anknüpfen konnte. Selbst vom ehemaligen SS – Kradführer und späteren „Kaiser von Bayern“, also Ministerpräsident Franz Josef Strauß auf Lebenszeit, sind die Worte überliefert:

“Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen”.

Diese angebliche Äußerung aus dem Bundestagswahlkampf 1949 gehört zu jenen Zitaten, die immer wieder mit Franz Josef Strauß in Verbindung gebracht werden. Er selbst äußerte sich 1975 in einem Gespräch mit dem Publizisten Johannes Gross hierzu folgendermaßen:

“… Die Äußerung, die mir hier in den Mund gelegt wird, ist nur im Zusammenhang zu verstehen, so wie ich ihn oft dargelegt habe: Dass nämlich jeder Staatsmann, der zum Gewehr greift, um damit seine politischen Ziele durchzusetzen, und ich meinte damit Hitler mit dem Angriffsbefehl gegen Polen, die Hand abfallen soll”.

ACSP, NL Strauß Slg. Kray I 75/40 (https://www.fjs.de/fjs-in-wort-und-bild/zitate.html).

Wie man sieht, hat dieser herausragende Politiker seiner Zeit, selbst diese Worte bereits 1975 öffentlich relativiert und sich selbst interpretierend, korrigiert.

Das ist kein Wunder. Dieser Oberleutnant der Naziarmee und Offizier für „wehrgeistige Führung“, Mitglied des Nationalsozialistischen Studentbundes, Mitglied des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps, wollte zeitlebens natürlich an seine Vergangenheit wenig erinnert werden, arbeitete jedoch bereits unmittelbar nach dem Krieg an der gloriosen Genesung des deutschen Militarismus. In der Folge wurde er Atomminister und machte sich für die Aufrüstung Deutschlands zur Atommacht stark, als Verteidigungsminister zeichnete er für zahlreiche Skandale („Starfighter-, Spiegelaffäre“ etc.) verantwortlich.

Wer die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik (Militärpolitik) verstehen will, wird direkt und ungeschminkt bei der Lektüre „Strauß“ fündig. Ohne Schnörkel und Umwege. Auch die ständige Wiederholung des Mantra, seither habe sich doch vieles „geändert“, die Deutschen seien weit entfernt und geheilt von jedweden „Welteroberungs- und Weltbeherrschungsgedanken“, Militär sei allenfalls zum Schutze der universellen Menschenrechte, zur Unterstützung notleidender Bevölkerungen, also nur dem Guten verpflichtet und so weiter, macht den schreienden Widerspruch nicht verdecken, der mehr denn je im Jahre 2012/2013, also 68 Jahre nach dem Ende des rassistischen Nazikrieges, zu Tage tritt.

Friedenseinsatz, Kriegseinsatz … wie oder was?
Die Tonlage in Deutschland hat sich seit zu Guttenbergs legendären Worten vom „Krieg in Afghanistan“ geändert. Während der amtierende Außenminister Westerwelle sich massiver Kritik gerade auch der Opposition, diese sich stützend auf die „internationale Gemeinschaft“, ausgesetzt sieht, weil er der Jahrzehnte lang notwendigen und taktisch gebotenen Vorsicht in der Zustimmung zu Kriegseinsätzen verbunden bleibt, wird immer weniger verklausuliert, also immer offener von dem geredet, was unter „europäischer, deutscher, internationaler“ und so weiter, „Sicherheitspolitik“ zu verstehen sei, was eben auch der militärischen „Verteidigung“ wert sei. Noam Chomsky hat in seinem Werk „Wirtschaft und Gewalt“ für die US-Gesellschaft den „Schönsprech“ Orwell’schen Ausmaßes enthüllt und gezeigt, dass der „Kaiser“ ohne diesen Schönsprech, wirklich „nackisch dasteht“. Vorneweg das sich selbst als „Sturmgeschütz der Demokratie“ bezeichnende Magazin „Der Spiegel“, betätigt sich insbesondere die als liberal geltende Presse in Deutschland als Marktschreier deutscher „Verteidigungs- und Sicherheitsinteressen“. Eintritte in kriegerische Gemengelagen, ob Libyen, Syrien oder Mali (nicht jedoch Zentralafrikanische Republik) können, wenn es nach manchen Leuten geht, gar nicht schnell genug gehen.

„Verteidigung und Sicherheit“ schöne Worte …
Die Zäsur, oder sagen wir besser, die qualitative Wandlung des Verhältnisses der deutschen politischen Klasse zur „Verteidigung“ deutscher „Sicherheitsinteressen“ (die nicht ohne weiteres mit „europäischen Sicherheitsinteressen“ gleich zu setzen sind), begann mit dem Ende des sogenannten Ost-/Westkonfliktes, dem „Kalten Krieg“, der so kalt nicht war. Tatsächlich war dieser „Kalte Krieg“ ein Sammelsurium an sehr heißen Kriegen für diejenigen Völker, die spätestens ab 1945 unüberhörbar ihre nationale Souveränität und diejenigen Bürgerrechte verlangten, die ihnen von den Kolonial- und federführend Weltkrieg führenden Mächten vorenthalten wurden. Für viele der Generation „50 plus“ etwa, war der Vietnamkrieg, in Deutschland neben der Befassung mit den Naziverbrechen, ein Schlüsselerlebnis ihrer Politisierung. Aber nur 5 Jahre nach Ende des Weltkrieges begann der Koreakrieg, und bereits 1954 versuchte Frankreich in Algerien die Unabhängigkeit des Landes gewaltsam zu verhindern. Der herrschende Antikommunismus subsumierte jeden Konflikt, die drei genannten Kriege sind nur die in Europa bekanntesten und die Liste ließe sich deutlich verlängern, der auch nur entfernt in westlichem Interesse entschieden werden sollte, unter „den Kampf für die Freiheit“ und „für Demokratie“. Als geistige Väter der berüchtigten, wie durchsichtigen „Dominotheorie“ gelten Dean Acheson, Außenminister der USA 1949-1953 und John Foster Dulles, Außenminister von 1953-1959. Der vorherrschende Standpunkt war der, wonach der „Kommunismus die Ideologie der Armen ist, die schon immer die Reichen plündern“ wollten (Eisenhower und Dulles).

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg
„Hitler wählen bedeutet Krieg wählen“, war ein Slogan, der ausgerechnet von denjenigen geradezu prophetisch verbreitet worden war, die als Kommunisten geschmäht, verfolgt, vertrieben, ermordet und um ihre Gesundheit gebracht worden waren. Es war ja nicht so, dass die Bevölkerung bereits in der Weimarer Republik „gleich geschaltet“ worden war. Der Aderlass durch den NS-Terror war verheerend. Der mörderische Rassismus gegen Juden und andere „Untermenschen“, gegen anders Denkende und anders Lebende, zog einen Blutstrom durch den gesamten deutschen „Einzugsbereich“. Aber das soll hier gar nicht Gegenstand der Betrachtung sein. Der „Kalte Krieg“ warf noch während des Nazi-Krieges seine Schatten voraus. „Nach dem Krieg“ (gegen NS-Deutschland), war im Bewusstsein der absehbaren westlichen Siegernationen USA, Frankreich und UK „vor dem Krieg“. Bereits 1941, nach dem deutschen Überfall gegen die Sowjetunion, vertrat Truman (ab 1945-1953 US Präsident, zuvor Vizepräsident unter F.D. Roosevelt) in dankenswerter Offenheit: „Wenn wir sehen dass Deutschland gewinnt, sollten wir Rußland helfen, und wenn Rußland gewinnt, sollten wir Deutschland helfen. Auf diese Weise sollen sich so viel wie möglich gegenseitig umbringen.“ („If we see that Germany is winning we ought to help Russia and if Russia is winning we ought to help Germany, and that way let them kill as many as possible, although I don’t want to see Hitler victorious under any circumstances. Neither of them thinks anything of their pledged word.” https://en.wikiquote.org/wiki/Harry_S._Truman).

Truman meinte über Stalin andererseits, er sei ein guter Kerl und er könne den alten Josef Stalin ganz gut leiden. Ein braver Kerl, der aber unter der Fuchtel des Politbüros stehen würde. Nun ja. Außer hartgesottenen Stalinisten meint dies wohl niemand mehr …

Das lässt auch große Teile des deutschen, bürgerlich-konservativen Widerstands in einem etwas anderen Lichte erscheinen. Natürlich war den gefeierten „Stauffenbergs“, die ihren Widerstand in einem Attentat gegen Hitler (erst) 1944 kulminieren ließen, aber bis dahin weitgehend jedes Verbrechen mit getragen hatten, spätestens mit der krachenden Niederlage vor Stalingrad das allfällige Ende des „1.000 jährigen Reiches“ überaus klar. Jede/r der das NS-Establishment für dumm und einfältig hält, mag weiter an den Klapperstorch glauben, von Realitätssinn zeugt dies nicht. Allein, es war zu spät sich dem westlichen Teil der Alliierten als antisowjetischer „Partner“ anzudienen. Ihre Zeit kam nach 1945. Und das ging dann schneller und reibungsloser, als sich manch eine/r träumen ließ. Gegen massive Proteste der Bevölkerung und siebenjährigem Streit, wurde in Folge der Verschärfung des sogenannten Ost-Westkonfliktes und dem Beginn des Koreakrieges zunächst der Beitritt zur „Europäischen Verteidigungsgemeinschaft“, sodann der Beitritt zur NATO beschlossen und im Mai 1955 mit dem Aufbau der Bundeswehr begonnen. Dass sich deren Gründungskader aus ehemaligen „Kameraden“ zusammensetzte, sei hier nur am Rande erwähnt, wie etwa auch die neu aus der Taufe gehobenen Geheimdienste zuverlässige Heimstatt für GESTAPO und SS Angehörige bot. Praktische „Auslandserfahrung“, besonders im Land des neuen Feindes, war geschätzt und von großem Nutzen.

Mehr war nicht drin (Deutschland wirtschaftlicher Riese aber politischer Zwerg, Willy Brandt)
Natürlich musste das alles ob des Widerwillens in der Bevölkerung, zunächst geheim verhandelt werden. Konrad Adenauer und seine Regierung bereiteten den Schritt bereits ab 1950, also kaum fünf Jahre nach dem Ende des Schlachtens rund um den Globus, mit der US-Regierung vor. Realpolitisch bestand die Aufgabe darin, eventuelles Misstrauen gegen eine deutsche Wiederbewaffnung insbesondere bei den europäischen Kriegsopfern (UK und Frankreich), zu zerstreuen, die ihren Einfluss innerhalb des Westalliierten Bündnisses manifest als Teil der Besatzungsmächte in Form ihrer Besatzungszonen demonstrierten. „Mehr“ war etwa nicht einfach nur aus den Erfahrungen heraus „nicht gewollt“ sondern mehr war realpolitisch schlicht aus Sicht der deutschen, herrschenden Meinung einfach nicht drin.

Herbert Wehner (SPD) steht für die „etwas“ andere Motivlage. Während sich die Bevölkerung massenhaft gegen Wiederbewaffnung und neuerliche Militarisierung ohne Hintergedanken aussprach, formulierte Wehner strategische Ziele als deutsches Interesse, die mit der Wiedervereinigung 1989 als erfolgreich abgeschlossene Mission bezeichnet werden dürfen. Die SPD, deren Führung Wehner ja angehörte für die Partei der Friedensvordenker und –kämpfer/innen zu halten, fällt angesichts der Zeilen schwer: “Die Russen warten aber auf solche Verhandlungen. Eine Analyse der sowjetischen Politik ergibt: Moskau fürchtet, daß eine westdeutsche Aufrüstung die Kriegsgefahr intensiviert. Um diese Entwicklung zu verhindern, sind die Sowjets durchaus zu Kompromissen bereit, auch über die deutsche Einheit. Darin braucht man keine Friedensliebe zu sehen; eines jedoch ist sicher: Die Russen möchten nicht, daß der nächste Krieg ihr letzter sei.”(https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-28957614.html, 6.10.54). Viel Spielraum über die Wehner’sche Motivlage lassen seine Worte nicht. Offensichtlich sah auch die SPD in der militärischen Option, hier der Wiederbewaffnung, geeignetes Drohpotential um die Ergebnisse des kriminellen Tuns der NS-Gesellschaft, hier erstrangig „Gebietsverluste“, zu revidieren. Man kann Wehner unterstellen, dass er möglicherweise tatsächlich daran glaubte, der Westen sei für die Menschen allemal besser, als ein Leben unter Stalins Knute, und das rechtfertige „realpolitisch“ den Schulterschluss mit dem deutschen Militarismus, der mit Hilfe Adenauers und vor allem den USA voraussichtlich erfolgreich auferstehen würde. Alternativlos (eines der aktuellen „Unworte“) war dies allerdings nicht.

Das Magazin titelte seinerzeit den Beitrag übrigens unter der Überschrift „Der rechte Verteidiger“ und bewies damit ein Differenzierungsvermögen, das der heutige Journalismus allzu häufig vermissen lässt.

Vom Sturmgeschütz der Demokratie zum Sturmgeschütz der Militarisierung
Aus dem „Sturmgeschütz der Demokratie“ wurde, und dafür steht „Der Spiegel“ nur exemplarisch, im Jahre 2013 vorerst mal das „Sturmgeschütz der Militarisierung“. In seiner jüngsten Ausgabe ergießt sich eine Flut anrührendes zum Film „Unsere Mütter unsere Väter“, was aus „uns“ eben „auch Opfer“ macht. Dem ist auf der persönlichen Erlebnisebene kaum zu widersprechen, auch wenn sich der Film und der Spiegel naheliegender Weise nicht auf „Täterebene“ begibt. Film- und „Spiegelkritik“ zum Film, sind aber Sache dieses Beitrages nicht. Die „Wunde der Vergangenheit“ als Schlagzeile pointiert das Ansinnen der Autoren vollkommen ausreichend.

In derselben Ausgabe des Magazins ist der mit Abstand interessantere Artikel unter der Überschrift „Die zaghaften Deutschen“ zu lesen. Und der Artikel ist ein beredtes Beispiel der „Kriegstraumaverarbeitung“ a la Deutschland. Der Artikel beklagt wortreich, aber nur bedingt intelligent, dass „die Deutschen“ immer noch nicht wirklich zu dem zurück gefunden haben, was eine „Erwachsene“ Gesellschaft angeblich auszeichnet. Ja. Krieg ist schlimm. Ja „Unsere Väter unsere Mütter“ könnte den Gedanken aufkommen lassen, dass etwa „Nie wieder Krieg und nie wieder Ausschwitz“ kein Gegensatzpaar sind, aber das ist natürlich alles Unsinn und „Erwachsen“ und von unseren Freunden in aller Welt gefordert, ist die militärische „Konfliktlösung“. Während sich Rot-Grün und besonders der Grüne Partner mit der Begrifflichkeit „Kriegseinsatz“ lange Zeit schwer tat, lieber von „robusten“ Einsätzen (was auch immer das sein soll), „Friedenseinsatz“ und so weiter fabulierte, nicht immer damit „durchdrang“, strikt ein UN Mandat „durchzusetzen“ (was an den Realitäten scheiterte), darf man von anderen führenden Grünen durchaus strategisches Denken annehmen. Entsprechend genüsslich wird Joseph Fischer zitiert, der den seinerzeitigen „Kosovo-Beschluss“ kommentierte: „Ich habe als Kind zwei Dinge gelernt: `Nie wieder Krieg` und ´Nie wieder Auschwitz`. Diese beiden Maximen gerieten in Konflikt. Ich musste das `Nie wieder Krieg` drangeben.“ (Spiegel, print, S. 22, Ausg. 13/2013).

Seitdem treten als besonders gewichtige Kronzeugen für die „Normalisierung“ und „Erwachsenwerdung“ deutscher Sicherheits- und Außenpolitik alte Bekannte auf, etwa Daniel Cohn-Bendit, der Westerwelle gar einen „Billigpazifisten“ schilt (ebd.).

Einer der klügeren Bemerkungen in dem Artikel soll uns nicht verheimlicht werden: „Die Art der Debatten, die Trotz-oder-wegen-Auschwitz-Diskussionen, prägte die Haltung der Deutschen zu Auslandseinsätzen. Anders als Verbündete wie Frankreich oder die USA beharrten die Bundesbürger darauf, dass deutsche Soldaten nicht in erster Linie in die Welt hinausziehen dürfen, um deutsche Interessen zu verteidigen. Es musste immer um eine höhere Moral gehen.“ (ebd.). Nun. Dieses letzte kleine Hindernis (blödes Moralgedusel) auf dem Weg zur „Normalität“ wird sich dank beharrlicher „Spiegel“ Aufklärung sicher auch bald beseitigen lassen. Wie gesagt, friedensbetonte Befindlichkeiten bröckeln ja  bereits. Nach Umfragen wächst die Zustimmung zu Kriegseinsätzen, die man seit zu Guttenberg auch so nennen darf.

Von Billigpazifisten und Friedensdividende
Die deutsche Militär- und Außenpolitik bis in die beginnenden 1990iger Jahre, wird unverdrossen im „Neusprech“ als „deutscher Sonderweg“ bezeichnet. Der Bestand darin, dass „Deutschland zahlte, andere die kämpfende Truppe stellten“. Oder wie Daniel Cohn-Bendit tönt: „Deutschland will die pazifistische Dividende, die Drecksarbeit sollen andere machen“. Dem Mann fällt gar nicht auf, dass er mit einem Satz das ausdrückt, was wir früher damit beschrieben „man fängt links unten an um rechts oben aufzuhören“. Ob Gegnerschaft zur Wiederbewaffnung, Antiatombewegung (Ostermärsche), Proteste gegen die „Nachrüstung“, Proteste gegen den Irak-Krieg, den Vietnamkrieg, nach diesen Worten – alles unsinnige Proteste – das war nach diesen Worten die „Drecksarbeit“ die wir halfen, andere machen zu lassen?

Davon abgesehen ist der von Daniel Cohn-Bendit (sprechend für viele, gerade auch konservativ-bürgerliche Meinungsmacher/innen) bemühte Kontext in sich weder historisch haltbar, noch argumentativ schlüssig.
Deutschland, also das militärisch-konservative Lager, bemühte sich redlich, bereits unmittelbar nach dem Krieg „normal“ zu werden. Adenauer und co., aber eben auch Wehner/Schuhmacher und co., setzten im Verbund alles daran, nach der bedingungslosen Kapitulation „normal“ zu werden, also möglichst schnell wieder im Kreis der Militärmächte „mitreden“ zu können. Die deutsche politische Klasse hätte gerne schon viel ausgiebiger und eben militärisch an allen möglichen militärischen Auseinandersetzungen teilgenommen. Allein es gab zwei ganz entscheidende Hinderungsgründe: Das Misstrauen der einstigen Opfernationen deutschen Größenwahns und deutscher Eroberungs- und Mordlust gegen ein Wiedererstarken deutschen Militärs. Und eine Bevölkerung die die Gefolgschaft für militärische Einsätze verweigert, auch wenn dieses friedensbetonte Grundrauschen angesichts einer informationellen Dauerberieselung bröckelt. Vor diesem Hintergrund war das „realpolitisch machbare“, ein Begriff, der unter führenden Grünen ja sehr geschätzt wird, eben zu zahlen, Überflugrechte zu gewähren, verdeckte illegale Entführungsaktionen zu billigen, den Sturz unangenehmer Gesellen zu finanzieren (Allende, Putsch in Chile z.B.), über Folter hinweg zu sehen und so weiter und so fort. Etwa die mehr oder weniger offene Kollaboration Deutschlands mit den Krieg führenden Nationen in Vietnam, Nicaragua und anderswo, waren zu ihrer Zeit Gegenstand der kritischen Erörterung und des Protestes in Deutschland. Deutschland hat sich noch stets und willfährig an jeder Nachkriegsschweinerei beteiligt, aber eben immer im Rahmen des „Machbaren“. Der Rahmen wird nun dank der Verbündeten stark erweitert. Von „Billigpazifismus“ und „Friedensdividende“ kann da keine Rede sein, es sein denn man meint Unaussprechliches.

Ob wir Grünen da nicht auf dem besten Weg sind, uns zum dummen August zu machen?

P.S. 1: Angesichts schwersten Säbelrasselns, ja akuter Kriegsgefahr in Korea, der Iran rückt gerade mal wieder in den Hintergrund, bin ich gespannt auf die Reaktion der Grünen Friedens-, Sicherheits-, und Außenpolitiker/innen. Bisher findet man bei Suche auf der Bundesgrünen Seite zum Thema „Korea“ alles Mögliche, also zum Beispiel „Fraktionsbeschluss_Elektromobilität“, „30 grüne Jahre: Grün ist groß“ aber eben nichts zum Korea Konflikt und eine Bewertung zu dieser massiven Kriegsdrohung. Werden wir am Ende wieder „ganz überraschend“ zum „Tanze“ gebeten, wenn wir tatsächlich in Regierungsverantwortung stehen, wie ja doch viele von uns an einen entsprechenden Wahlausgang glauben?

P.S. 2: Ach ja. Und wer Atomkraftwerke im Lande hat, braucht die Atombombe nur minder zu fürchten. Eine konventionelle Bombe auf ein Atomkraftwerk platziert tut`s auch … Humor ist wenn man trotzdem lacht.

P.S. 3:

1 Kommentar

  1. Carol-Sue

    Moin Simon,
    hab Deinen Text gerade als allererste Morgenlektüre gelesen: sehr bitter aber auch sehr erfrischend nach all der verschwiemelten Kriegsbegeisterung und dem Schwulst um deutsche “Gefallene”, Bundeswehrbesuchen in der Schule etc. Danke für Deine klaren Worte! Mehr davon!! 🙂

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