Atomenergie: Wann fallen die Masken?

Die Atomenergie in Europa (und Deutschland?) vor der Renaissance

Der Roll-Back in Richtung Laufzeitverlängerung der AKWs läuft bereits massiv seit Jahren im Hintergrund. Mittlerweile trauen sich die ersten deutschen Politiker, dass hässliche V-Wort (Verlängerung) in den Mund zu nehmen. Neben der AfD und Mitgliedern der nicht ganz ernst zu nehmenden CDU-Werteunion äußert sich auch jemand wie der Bundestagspräsident Schäuble zum Thema Atomausstieg: (Deutschland solle) „ein bisschen vorsichtig sein, wenn wir meinen, wir müssten es anders machen als alle anderen“. Der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, ein potentieller Kanzlerkandidat, beklagte kürzlich, dass der Atomausstieg zu früh erfolgt sei.

Timing des Atomausstiegs

Der deutsche Ausstiegsplan für die restlichen AKWs führt fast zwangsweise auf einen Energieversorgungs-Engpass am Ende des Jahres 2022 zu, mit einem „Probelauf“ im Jahr zuvor:

  • 12. 2019 Philippsburg 2
  • 12. 2021 Grohnde, Brokdorf und Gundremmingen C
  • 12. 2022 Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland

Zwar MÜSSEN die AKWs nicht erst am letzten Tag und zeitgleich abgeschaltet werden, da aber jeder Betriebstag Geld bringt, wird sicher auch nicht schon Wochen vorher abgeschaltet werden. Gundremmingen B lief z.B. exakt bis zum 31. Dezember 2017, dem allerletzten Tag.

Blackout durch Klimaschutz?

Drohungen mit einem „Blackout“ und neuerdings mit dem an dieser Stelle schon leicht „schiefen“ Argument „Klimaschutz“ („schief“ deshalb, weil Abbau-, Gewinnungs- und Aufbereitungsenergien, Transporte und vor allem die Endlager-Energien in keiner Klimabilanz auftauchen!) werden Szenarien an die Wand gezeichnet, bei denen immer „die Lichter ausgehen“ oder zumindest „im kalten Winter Deutschland mit Atomstrom aus Frankreich versorgt werden muss“. Letzteres ist schon fast wieder witzig, da Frankreich in strengen Wintern der letzten Jahre immer Probleme mit der Stromversorgung hatte, da die Heizungen in Frankreich überwiegend mit Strom laufen und die Leistungsfähigkeit der AKWs überfordern.

Zudem bleibt zu befürchten, dass die Grünen und die Umweltverbände demnächst mit einer „Teufel-Beelzebub“-Alternative konfrontiert werden: „Wenn die AKWs definitiv abgeschaltet werden, muss eben auf die geplante Stilllegung von Kohlekraftwerken verzichtet werden“.

EU – Pro Atom

Auf EU-Ebene läuft die Diskussion schon in Richtung „mehr Atomkraft“: Auf dem aktuellen Gipfel (13.12.2020) fordern Tschechien und Ungarn, die EU-Kommission und der Gipfel müssten klar feststellen, dass die Kernkraft eine „saubere und emissionsfreie Energiequelle“ sei. Tschechien fordert zudem Garantien, dass Tschechiens Nachbarstaaten Ausbaupläne für die AKW-Standorte Temelin und Dukovany nicht blockieren. Das Papier der neuen EU-Kommission zum Green New Deal klammert zwar Atomenergie als möglichen „klimafreundlichen“ Beitrag aus, auf dem Gipfel des Europäischen Rats jedoch haben Frankreich, Tschechien und Ungarn sich stark dafür eingesetzt, der Atomenergie eine Schlüsselrolle zur Erreichung von Klimaneutralität bis 2050 zuzuschreiben. Die Konsequenz wären ein massiver AKW-Zubau und/oder unverantwortlich abenteuerliche Verlängerungsfristen alter Meiler.

Ende November änderte das Europaparlament einen Beschluss zur Klimakonferenz in Madrid dahingehend, dass Atomkraft jetzt als Klimaretter bezeichnet wird. Der Änderung stimmten 38 deutsche Parlamentarier*innen von CDU/CSU, FDP und AfD zu, 52 votierten dagegen.

Klimaschutz durch Atomkraft?

Aber wie „klimaneutral“ ist die Atomkraft überhaupt? Alle ca. 400 AKWs auf der Erde decken derzeit 2% des weltweiten Energiebedarfs und etwa 10% des Strombedarfs. Um den globalen CO2-Ausstoß auch nur wenig zu senken, bräuchte es enorm viele neue Reaktoren, mit Bauzeiten im Jahrzehnt-Bereich. Da der Energiebedarf steigt, dürften die alte Schrottreaktoren dann nicht vom Netz gehen, sondern müssten Jahrzehnte weiterlaufen, mit allen Risiken.

Um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, müssten die weltweiten Emissionen von heute 37 Milliarden t CO2 bis 2050 auf unter 5 Milliarden t CO2 sinken. Mit ca. 40% könnte den größten Anteil an dieser Reduktion laut IEA eine bessere Energieeffizienz leisten. Ein weiteres Drittel käme von den erneuerbaren Energien. Der Anteil der Kernkraft läge in diesem Szenario 5%. “Selbst dafür müssten etwa 1.000 Kernkraftwerke neu gebaut werden”, sagt Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie.

Gründe für Atomkraft

Selbst ein finanzielles Argument FÜR die Atomkraft ist längst nicht mehr aktuell: Atomstrom aus Hinkley Point soll über mindestens 31 Jahre mit mehr als 11 Ct/kWh vergütet werden, PV (letzte Ausschreibung Freiflächen) mit 4,97 Ct/kWh, Windkraft etwa mit 6,2 Ct/kWh.

Bemerkenswert ist, dass – bis auf wenige Ausnahmen – nur die Atomwaffenmächte am Neubau von AKWs zur „zivilen“ (?) Nutzung festhalten wie China, Russland, USA und Indien oder die Staaten, die Großmacht- (Atommacht-?) Ambitionen haben wie Iran, Saudi-Arabien, Ägypten oder die Türkei.

Ausbau der EE unerlässlich

Eine ernstzunehmende Ursache der Roll-Back-Forderungen ist der stockende Ausbau der Erneuerbaren Energien in Deutschland:

Ein Masterplan, der diese Frage erschöpfend beantworten würde, ist bisher nicht einmal in Arbeit (von grünen Projekten abgesehen …).

Karl-W. Koch
Hartwig Berger

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