Afghanistan: Rückzug oder Flucht? Trauerspiel und Schande!

(aktualisiert am 27.8., 18:00 Uhr)

Was in Afghanistan alles im Einzelnen und im Allgemeinen läuft, ist eine Schande für die europäischen NATO-Staaten, besonders Deutschland. Für diesen Verlauf tragen die Vertreter*innen, die 2001 und danach für diesen Krieg im Bundestag gestimmt haben, die volle Verantwortung. Politische Konzeptionslosigkeit, Planungsmängel, stümperhafte Aufbau- und gänzlich fehlende Exit-Strategie zogen sich über 20 Jahre hin. Darüber hinaus wurden seit Kriegsbeginn alle darauf bezogenen Empfehlungen konsequent missachtet und nicht aufgenommen. So schlug auch aktuell die amtierende Bundesregierung zunächst alle Warnungen in den Wind. Mit der Organisierung der Evakuierungsflüge wurde zu spät und halbherzig begonnen. Unterdessen muss die Bundesregierung eingestehen, dass bei weitem nicht alle Betroffenen aus der drohenden Lebensgefahr gerettet werden können. Außerdem wurden bis zum letzten Augenblick von dem “Christ-Sozialen” Innenminister Horst Seehofer Abschiebungen nach Afghanistan beauftragt. Kaum zu glauben aber wahr: Die Evakuierungsflüge sind nun nach Androhungen von Bombenattentaten noch vor dem 31.8. eingestellt. Kramp-Karrenbauer (CDU) hat den Rückzug der Bundeswehr und die Einstellung der Rettungsflüge eingeleitet. Unterdessen wird über einen solcher (Doppel-)Anschlag berichtet, bei dem mindestens zwölf US-Soldaten starben und wenigstens 60 auf ihre Evakuierung Wartende getötet oder, zum Teil schwer, verletzt wurden.

Nachdem sich die wechselnden, sich stets an diesem Krieg beteiligenden Bundesregierungen zum Erstaunen der wohl meisten Bundeswehrangehörigen und in Afghanistan stationierten Einheiten, konsequent weigerten, diesen Einsatz als das zu benennen, was er von vornherein war, einen Kriegseinsatz, verweigert man nun vorzeitig den auf Hilfe hoffenden Menschen den militärischen Schutz und die Evakuierung bis zum Abzugsdatum der US-Streitkräfte am 31.8. Den Gefahren dieses Einsatzes waren die beteiligten Bundeswehrsoldaten von Beginn an ausgesetzt. Wir fragen, was hat sich grundlegend an der Gefahrenlage geändert? Während der zurückliegenden 20 Jahre waren die Soldat*innen kontinuierlich bedroht, man hat das bis “Gestern” billigend in Kauf genommen und ist stets davon ausgegangen, dass diese ihr Handwerk beherrschen und sie entsprechend gerüstet sind. Und das ist nun mal gefährlich. Sollte der Unterschied sein, dass die politische Führung des Landes es nicht Wert findet, so lang und konsequent wie möglich die Leben von bedrohten afghanisch Zivilisten zu schützen und zu retten? Sind diese es nicht “wert”, während die Regierungen andererseits keine Probleme darin sahen, alle verfügbaren militärischen Mittel ohne Rücksicht auf die Sicherheit der selben Soldat*innen 20 Jahre einzusetzen? Es ist bekannt, dass die betroffenen Soldat*innen das vielfach ganz anders sehen. Sie empfinden es beschämend, afghanische Helfer*innen nun auf Geheiß der Bundesregierung im Stich lassen zu müssen.

Wir unterstützen die Forderung, alles zu tun, um die deutschen Evakuierungen bis zum 31.8. fortzusetzen.
Über den 31.8. hinaus fordern wir die Abgeordneten des Bundestages dazu auf, sich für eine unverzügliche humanitäre Intervention der Vereinten Nationen einzusetzen und den Schutz der besonders bedrohten Frauen, Kinder und Männer in Afghanistan zu gewährleisten.

Karl-W. Koch, Simon Lissner


Es gibt mehrere private, zivile Initiativen zur weiteren Rettung von sog. Ortskräften, aber auch Journalist*innen etc. (U.a. unterstützt von Sven Giegold MdEP, Erik Marquardt MdEP, Clara Anne Bünger und Ansgar Gilster):

Humanitäre Krise in Griechenland: Deutschland & Europa müssen Flüchtlingen Schutz bieten

Lesen Sie das Update und kommentieren Sie:

https://chng.it/TFT8HMjmrH


Interessant ist auch das sehr aktive Hilfswerk von Bundeswehrangehörigen, die versuchen, Mitarbeiter aus Afghanistan zu holen:

s.a.: https://www.zdf.de/nachrichten/politik/afghanistan-evakuierung-chaos-buerokratie-lanz-100.html,

und: https://www.patenschaftsnetzwerk.de/

zitierte Quellen

1) https://m.tagesspiegel.de/politik/unmittelbare-bedrohung-flughafen-in-kabul-voellig-ueberfuellt-sorge-vor-anschlag/27519346.html, https://m.tagesspiegel.de/politik/auch-deutsche-terrorismusexperten-warnen-droht-am-kabuler-flughafen-ein-anschlag-des-is/27542002.html

2) 5100 Tote seit 2002 in Afghanistan bei Terroranschlägen: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2021-08/fluechtlinge-afghanistan-taliban-evakuierung-aufnahme-angst-terrorismus/seite-2
bei insgesamt 47.000 toten Zivilist*innen in Afghanistan seit 2001: https://www.nzz.ch/international/der-krieg-in-afghanistan-forderte-240000-tote-ld.1640684

3) https://www.deutschlandfunk.de/umgang-mit-den-taliban-wir-reden-nicht-gerne-mit-den.694.de.html?dram:article_id=502212

4) https://www.tagesspiegel.de/politik/parteitag-der-gruenen-gruene-akzeptieren-afghanistan-einsatz/273132.html

weitere Quellen:
https://www.zdf.de/nachrichten/zdf-morgenmagazin/afghanistan-man-fuerchtet-terroranschlaege-100.html
https://www.sueddeutsche.de/politik/afghanistan-news-kabul-kramp-karrenbauer-1.5389606

und sehenswert, wenn auch über eine Stunde, eine Vorlesung von Peter Scholl-Latour an der Uni DU/Essen: “Siegen in Afghanistan?” von 2009 (!!), das Schlusszitat passt besser denn je: “Die Torheiten einer Regierung, die weder zu einer Außenpolitik noch zu einer Strategie fähig ist ...” https://www.youtube.com/watch?v=LRWi6jn7yuQ

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