Fassungslosigkeit zu den Reaktionen in Deutschland

Eine persönliche Email, zum Schutz der Person anonymisiert aber unverändert:

—–Ursprüngliche Nachricht—–

ich sitze gerade im Home Office und bin angesichts der Ereignisse in der Ukraine und der Ereignisse in Deutschland, Europa, den USA zunehmend frustriert. Ich sehe den völkerrechtswidrigen und absolut unsinnigen Angriff Putins auf die Ukraine und verfolge zugleich, zunehmend fassungslos, die Reaktion in meinem direkten wie weiteren Umfeld darauf. Statt massiv auf die Option Frieden, Verhandlungen und Diplomatie zu setzen, gibt es kaum noch jemanden, der nicht (gerade auf Social Media) mit unverhohlener Freude und Kriegslust für die massive Aufrüstung der Ukraine, der Bundesrepublik und der Nato plädiert und alles, aber auch alles an militärischem Einsatz für eine bedingungslose Niederlage Russlands fordert.

Jeder Versuch, eine etwas differenziertere Position im öffentlichen Diskurs einzunehmen, wird niedergebrüllt. Jetzt macht mich die Tatsache eine russische Freundin zu haben, nicht zum Putin-Fanboy, ganz im Gegenteil verfolge ich durchaus interessiert die Entwicklung in der Ukraine, aber auch in den Staaten des ehemaligen Ostblocks und auch in Ex-Jugoslawien seit den 90´ern und bin verblüfft und frustriert über die Geschichtsvergessenheit die gerade in den politischen Entscheidungsgremien des Landes und auch Europa Einzug gehalten hat.

Der humanitäre Kriegseinsatz der Nato in Serbien, sprich die wochenlange Bombardierung auch ziviler Infrastruktur, der großen Städte in Serbien inklusive Belgrad kostete über 3.000 Zivilisten das Leben, ohne dass es zu einem Aufschrei des Entsetzens im Westen gekommen wäre. Stattdessen machte sich eine gewisse Genugtuung breit, einerseits eine neue Legitimation des Auslaufmodells Nato gefunden zu haben, andererseits es den Serben nach Bosnien und Srebrenica doch noch mal gezeigt zu haben.
Die Kriege in Jugoslawien, meiner ehemaligen Heimat, haben 200.000 Menschen das Leben gekostet und Millionen vertrieben. Heute wird es dargestellt, wie ein kleiner nahezu harmloser ethnischer Konflikt…

Sich jetzt hinzustellen und zu behaupten, das Vorgehen Russlands sei einzigartig in der europäischen Nachkriegsgeschichte ist so unfassbar falsch und verlogen, dass es mich fassungslos macht. Das soll keine Legitimation des Vorgehens Russlands sein, ganz im Gegenteil. Es zeigt aber, dass wenn zwei das gleiche tun, es nicht das selbe ist. Da muss ich Russland Recht geben. Eine Kritik in diese Richtung wird aber sofort mit der Keule „whataboutism“ gekontert.

Ebenso erstaunt verfolge ich die Politik der Grünen. Während sich die SPD noch eine Zeit lang anstandshalber geziert hat, Waffen zu liefern und den Verteidigungshaushalt in astronomische Höhen zu schrauben, scheint es dort ja spätestens seit Harbecks Besuch in der Ukraine im letzten Jahr zum guten Ton zu gehören, zumindest bei Verteidigungswaffen (was auch immer das sein mag) eine Ausnahme von allen Waffenexportbeschränkungen zu machen. Na klar… Der Verlauf der Kriegshandlungen in der Ukraine zeigt zumindest bislang nicht, dass die Ukraine nicht unter einem Mangel an modernem Waffenmaterial leidet.

Herr Platzeck, Ex-Ministerpräsident in Brandenburg und bislang nicht unbedingt einer meiner Lieblingspolitiker, erklärte am Wochenende in einem Interview bei WDR5, dass Putin die legitimen! sicherheitspolitischen Interessen seines Landes mit dem Angriff der Ukraine vollkommen desavouiert hätte. Er erklärte, dass der Westen nach 2014 deutlich hätte signalisieren müssen, dass der Versuch die Ukraine in die Nato zu holen, den Konflikt weiter anfeuern statt ihn befrieden würde. Ähnlich äußerte sich auch der Ex-Generalinspekteur Kujat, qua Beruf ja nicht unbedingt pro-russischen Positionen zugeneigt. Von den amtierenden, in Regierungsverantwortung befindlichen Politiker*innen hört man dazu nichts. Stattdessen entwickeln sich die letzten Friedenspoltiker*innen zu Fachleuten für Haubitzen, Panzerabwehrkanonen und Luftabwehrraketen.

Ich würde dagegen gerne Bataillone von Diplomaten und Politikern aller Länder sehen, wie sie in Moskau und Kiew auf ein Ende des Konfliktes drängen, statt zu versuchen noch mehr Waffen ins Kriegsgebiet zu bringen. Ich würde gerne hören, dass der bedingungslose Frieden, das Ende des Tötens und die Kooperation der Staaten unser aller Ziel ist.

Ich bin wirklich ratlos, vollkommen ratlos, welche Idee die Politik hat, wie das enden soll? In einem ewig andauernden Konflikt, in dem die Ukraine soweit aufgerüstet wird, bis Russland gedemütigt kapituliert und sich zurückzieht und Putin von der gefrusteten, kriegsmüden Zivilbevölkerung zum Teufel gejagt wird?

3 Kommentare

  1. Arnonym

    Anonymität ist schon was schönes. Da kann jeder ohne Hemmungen seinen Senf dazugegeben und einfach irgendwas behaupten. Warum traut sich der Autor den nicht? Lebt er in Russland?

  2. SGN

    Zitat-1: “…ich sitze gerade im Home Office…”. Zitat-2: “…Ich bin wirklich ratlos, vollkommen ratlos,…”. Hm, naja. Ok. Vorschlag: dann bleibe doch weiter vollkommen ratlos im Home Office. Melde Dich, wenn es Dir besser gehen sollte, was Deine Ratlosigkeit anbetrifft. Wir schmeissen derweil den Laden, …denn es herrscht seit dem 24.2.2022 ein Angriffskrieg gegen die Ukraine, gegen Europa, gegen Dich.

  3. Thorsten Wassermeyer

    Ihr Kommentar spricht uns aus dem Herzen. Wir haben deshalb folgende Petition auf Change.org gestartet:

    https://chng.it/7xHSDddjMb

    Die Gewaltspirale in der Ukraine muss beendet werden

    Keine Frage: Die Schuld für den Krieg gegen die Ukraine Krieg liegt bei Russland. Es handelt sich um einen klaren Verstoß gegen das Völkerrecht. Es macht einen sprachlos. Doch was folgt nun daraus? Denn klar ist auch, dass die Ukraine diesen Krieg militärisch nicht gewinnen kann, allenfalls moralisch. Die daraus folgende Einsicht kann eigentlich nur sein: Je früher der bewaffnete Konflikt endet, umso besser für die Menschen. Ja, man möchte im Westen – darunter auch maßgeblich die deutsche Bundesregierung (namentlich Robert Habeck, Annalena Baerbock und Olaf Scholz) die Menschen in der Ukraine darin unterstützen, sich gegen den Aggressor zu verteidigen. Aus diesem Grunde schickt man der Ukraine Waffen – zuletzt nochmal 2.700 Flugabwehrraketen aus ehemaligen NVA-Beständen. Ja, die Ukraine wird sich damit weiterhin verteidigen können. Aber wir wissen auch, dass Putin diesen Krieg gewinnen will, mit allen ihm dazu zur Verfügung stehenden Mitteln. Die von ihm eingesetzten Waffen werden zunehmend destruktiver. Es wird mehr zivile Opfer geben.

    Dieser Krieg ist auch ein Krieg der Bilder. Je länger er dauert, umso mehr und wohl leider auch immer brutalere Bilder werden uns aus der Ukraine erreichen. Das wird sich auf die öffentliche Meinung im Westen auswirken und letztlich auch die Regierungen dazu veranlassen Schritte zu gehen, an die zurzeit niemand ernsthaft denken will. In den USA schwenken die ersten Hardliner unter den Kongressabgeordneten und Medien bereits um und greifen die Forderung des ukrainischen Präsidenten Selenskyj zur Einrichtung eine Flugverbotszone über der Ukraine auf (https://www.spiegel.de/politik/deutschland/news-ukraine-krieg-wladimir-putin-sanktionen-uno-ron-desantis-a-732aa926-12d6-4691-867d-9f9b18d26c4a). Wozu die Durchsetzung einer solchen Zone führen würde, ist eigentlich jedem klar: Direkte Kampfhandlungen zwischen Russland und der Nato (falls man wider Erwarten nicht China für diesen Auftrag begeistern sollte).

    Wir sehen gerade, dass die wirtschaftlichen Sanktionen stärker wirken, als man zu Anfang gehofft hat. Früher oder später wird Russland an den Verhandlungstisch zurück kehren müssen. Warum vertraut die Politik im Westen nicht mehr darauf und schickt stattdessen Waffen, die den Konflikt verschlimmern und unnötig verlängern – Russland wird weiter militärisch eskalieren (Experten schließen selbst den Einsatz von Atomwaffen nicht mehr aus, siehe Markus Becker im Spiegel+ vom 2.3.2022). Statt also selbst Waffen zu schicken, sollte die Bundesregierung unter ihren europäischen und amerikanischen Partnern lieber darauf hinwirken, dass keine Waffen mehr geliefert werden. Die zu erwartenden Vorwürfe aus der Ukraine, man würde sie im Stich lassen, muss man aushalten können – wenn dadurch das Leben von Tausenden, vielleicht auch der restlichen Welt gerettet werden kann. Die Sanktionen werden Russland weiterhin schmerzen und nachdem Putin gesichtswahrend für sich beanspruchen kann, einen militärischen Sieg errungen zu haben, werden die wirtschaftlichen Sanktionen ihn zurück an den Verhandlungstisch bringen. Wie gesagt: Über kurz oder lang wird Russland die Ukraine militärisch besiegen. Dann kann man genauso gut auch gleich mit dem Verhandeln beginnen, aber vor dem Hintergrund wirtschaftlichen Druckes, nicht durch noch mehr Waffengewalt. Zurzeit macht sich die deutsche Bundesregierung mit schuldig am Leid von Hunderttausenden und riskiert mit jedem Tag eine weitere Eskalation, die noch viel Schlimmeres zu befürchten lässt. Was es nun braucht, ist ein Mehr an Besonnenheit, um die Logik des Krieges zu durchbrechen.
    Wir fordern daher die sofortige Einstellung von Waffenlieferungen jedweder Art, auch von so genannten Defensivwaffen. Die Hilfeleistungen des Westens für die Ukraine müssen sich auf rein humanitäre Hilfe begrenzen. Statt selbst Waffen zu liefern, muss die Bundesregierung bei ihren Partnern und Verbündeten darauf hinwirken, ebenfalls keine Waffen mehr zu liefern. Dieser Konflikt, dieser Krieg ist nur auf diplomatischem Wege zu lösen.

Kommentar verfassen

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld

Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website einverstanden. Weiteres entnehmen Sie bitte der Datenschutzerklärung.

Verwandte Artikel